Haare werden Kunst

Vom Schopf bis zur Strähne

300 Kilo Haare werden zu Kunst

Ochtrup -

 

300 Kilo Haare hat die Berliner Künstlerin Barbara Caveng im halben Münsterland gesammelt – im Verbund mit den Handwerkern und der Innung. Am 7. September (Samstag) wird das Material zu einem großen Rundballen gepresst.   

Von Susanne Menzel

 

„Je länger ich in den vier Monaten als Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen mit dem ‚Ha(a)rvest‘-Projekt beschäftigt war, desto mehr nahm diese unglaubliche Zeitreise eine filmische Entwicklung mit einem eigenen Rhythmus an. 120 Friseure habe ich für meine Idee begeistern können. Durch die Besuche in den Salons habe ich das Münsterland kennengelernt und auch einen ganz anderen Blick auf das Handwerk erhalten.“

Foto: Daniel Bröker

Künstlerin Barbara Caveng auf einem Haarbett. Etwa 25 davon werden Anfang September zu einem Rundballen gepresst. 

Schaffen reflektiert

Seit April zieht die 56-jährige gebürtige Schweizerin Barbara Caveng , die inzwischen in Berlin lebt, durch die Kommunen der Region und bittet dort die Coiffeure, ihr die abgeschnittenen Haare der Kunden zu überlassen.

300 Kilo des Kopfschmuckes wollte sie sammeln, um schlussendlich daraus einen großen Haarballen pressen zu lassen.

„Die Dynamik, die sich entwickelt hat, habe ich nicht absehen können“, ist Caveng noch immer erstaunt über das Feedback.

Salons aus Ochtrup sind ebenso mit von der Partie wie jene aus Schöppingen, Steinfurt, Legden oder Ibbenbüren.

„Zwischen Kunst und Handwerk besteht immer dann eine Verbundenheit, wenn eine gegenseitige Neugierde auf die Sicht des anderen und dessen Herangehensweise besteht“, ist sich die Künstlerin sicher.

Und: „Die Friseure selbst haben auch ihr Schaffen noch einmal reflektiert und sich intensiv mit dem Entwertungsfaktor ausein­andergesetzt.

Im Alltag werden die abgeschnittenen Haare einfach entsorgt. Niemand hat Zeit, sich über ihre Herkunft oder die Geschichte des Menschen, der dahinter steht, Gedanken zu machen.“

Das allerdings passiert jetzt, wo auf großen Papp-Betten die Schöpfe lagern. Säuberlich sortiert und gesiebt. Manche sehen aus wie Skalps.

Für Peter Weidlich vom Kunstverein Steinfurt sind es gerade diese Haarberge, die ungute Gefühle in ihm auslösen: „Ich habe ähnliche Anhäufungen als 16-Jähriger in Auschwitz gesehen“, murmelt er und dreht sich weg. „Ich könnte diese Haare nie anfassen, weil ich weiß, was aus ihnen gemacht wurde.“

 

Foto: Susanne Menzel

Täter und Opfer

Es sind Täter und Opfer, die hinter dem Material stehen, gibt Barbara Caveng zu. „Aber hier, in der Masse, da sind alle Menschen gleich. Jene mit und ohne Behinderung, junge und alte, reiche und arme“, ergänzt Susanne Dorsten, Innungsobermeisterin im Kreis Steinfurt.

Auch sie habe sich im Zusammenhang mit dem „Ha(a)rvest“-Projekt „erstmals intensiv Gedanken darüber gemacht, was man da abgibt. Und manchmal ist es ein komisches Gefühl, wenn ich Kunden frage, ob ich ihre Haare mitnehmen kann.“

300 Kilo des organischen Materials werden nun Gegenstand von verschiedenen Kunstobjekten.

Nicht nur der große Haarballen soll entstehen, auch kleinere Exponate, in denen das Material zum Träger von Inhalten wird.

Ein Stuhl etwa, deren Sitz aus kurzen Haarstoppeln besteht. Der Kunstverein Steinfurt wird vermutlich einige dieser Skulpturen ausstellen.

Das große Event allerdings wird das Ballenpressen am 7. September (Samstag) sein.

„Wir sind gespannt, ob dabei alles so abläuft wie erhofft“, sagt Barbara Caveng. Sie hat sich für den mechanischen Vorgang den Schöppinger Lohnunternehmer Bernd Möllenkotte an die Seite geholt („Google hat mich zu ihm hingeführt.“), der, so freut sie sich, „wie Daniel Düsentrieb daran gebastelt hat, dass die Presse statt mit Heu, Stroh oder Gras auch mit Haaren fertig wird.“

Und das, so ergänzt Möllenkotte, sei gar nicht so einfach gewesen.

Neugierde überwog

„Als Barbara Anfang April erstmals bei mir im Büro stand und von ihrer Idee erzählte, wusste ich zunächst nicht, ob ich mitmachen will“, gibt der Münsterländer zu.

Dann jedoch überwog die Neugierde:

„Ich musste zunächst einmal mit dem Medium Haare klarkommen“, schildert Möllenkotte. „Ich hatte eingangs die Befürchtung, dass sich die Haare alle um die Wellen der Maschine wickeln. Die Mechanik ist ja nicht dafür ausgelegt, ein Material, das gar keinen Verbund hat, aufzunehmen.“

Tüftler Bernd „Düsentrieb“ holte sich Rat bei Kollegen, spannte Bekannte wie Burkhard Schulze-Althoff mit ein, um kleine Strohkerne zu pressen, auf die die Haare dann gewickelt werden können.

Da Barbara Caveng statt der üblichen Netze abschließend gerne einen roten Faden durch die Ballen-Haarpracht gezogen hätte, suchte sich Möllenkotte in der Nachbarschaft weitere Hilfe.

20 bis 25 Haarbetten, alle etwa 15 Zentimeter hoch, sollen beim „Final Cut“ auf dem Boden ausgelegt und verarbeitet werden.

„Bei einem Probelauf hat es bereits recht gut geklappt“, freuen sich Möllenkotte und Caveng.

„Anschließend habe ich nächtelang aus den Haarbergen das Stroh wieder herausgezupft und das Haar gesäubert“, erzählt sie.

Ohnehin habe sie sich immer wieder ausgiebig mit den gespendeten Haaren beschäftigt.

„Gemeinsam mit meiner Assistentin haben wir die Stückchen oder die Strähnen angeschaut und uns dazu Geschichten überlegt.“

Daraus, so kann man bei der Wahl-Berlinerin sicher sein, wird garantiert eine weiteres haariges Werk entstehen.

 

Zum Thema

Der „Final Cut“ des Ha(a)rvest-Projektes wird durchgeführt am 7. September (Samstag) am 16.30 Uhr im Künstlerdorf Schöppingen (Mühlenwall). Die Haarballenpressung beginnt gegen 20.30 Uhr.

Besucher sind willkommen.

 

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